Koiraystävällinen
In vielen Läden entdecken mein Sohn und ich vorn an der Tür ein Schild mit der Aufschrift Koiraystävällinen. Mein Minimalfinnisch hat das Wort Koira = Hund abgespeichert. Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass es „Hunde hier nicht erlaubt“ oder so ähnlich heißt. Aber wenn man dann den Supermarkt betritt, stößt man auf Einkaufswagen mit einem Bild von einem freundlichen Hund an der Seite. Man darf seinen Hund, sofern er nicht riesig ist und nicht mehr in den Einkaufswagen passt, in diesem Wagen in den Supermarkt mitnehmen! Wäre das nicht eine Idee, die man auch in Berlin umsetzen könnte? Berlin ist eine Stadt der Hundebesitzer, das war schon immer so und seit der Pandemie sind es nochmal 20 % mehr Hunde geworden.
Als Kind in West-Berlin, als ich oft draußen spielte, habe ich mit meiner Freundin Maria, die im gleichen Haus wohnte, ein „Hundenamenlexikon“ angelegt, was heute ein lustiges Zeitdokument dafür ist, wie man in den späten 70ern so seine Hunde genannt hat. Das Heftchen war alphabetisch sortiert, und dann fanden sich darin Einträge für Waldi, wie viele Dackel damals hießen oder Rex, nach dem beliebten Film „Polizeihund Rex“ ein Name, der vielen Schäferhunden vergeben wurde. Heute heißen in Berlin die Hunde eher wie die Kinder, also Leo, Sofi, Luka, Lena, Ella und so weiter. Balou aus dem Dschungelbuch ist auch sehr beliebt. Unser Hund heißt Filou, so heißen aber keine Kinder.
Wie dem auch sei, ich finde es wirklich sehr praktisch hier in Tampere, einen Spaziergang mit Hund machen und auf dem Rückweg einkaufen gehen zu können. Aber es ist nicht nur das Administrative: Die Leute reagieren in Bus, Bahn und Supermarkt sehr freundlich auf einen Vierbeiner. Das kann in Deutschland auch passieren, wir hören immer mal wieder „was für ein süßer kleiner Lassi“, weil Filou wie ein Miniatur-Collie aussieht. Aber genauso oft gucken einen Menschen an, als ob man einen feuerspeienden Drachen oder eine riesige Ratte ausführen würde. Ich habe auch Leute in meiner Heimatstadt erlebt, die ja eigentlich einiges von der Gattung homo sapiens berolinensis gewohnt sein müssten, aber beim Anblick eines kleinen flauschigen Hundes panisch die Flucht ergreifen oder ängstlich die Hände vor der Brust kreuzen. Vielleicht ist man hier in Tampere doch ein bisschen näher an der Natur dran, mit den Wäldern und riesigen Seen, zu der die Stadt gehören zu scheint (eher als umgekehrt), Hunde gehören hier mehr zum Leben dazu? Oder ist das Aufhängen der Koiraystävällinen-Schilder ein neuer Trend hier?
Oder liegt es an meiner mangelnden Sprachkompetenz, dass ich manches nicht verstehe? So wurde ich in Berlin-Wedding an einer Ampel, an der Filou brav wie ein Verkehrspolizist stand, ohne Anlass von einem älteren Mann angeherrscht: „Du mit Deinem Scheißköter!“ So etwas würde ich in Finnisch nicht verstehen, auch wenn jemand nicht brüllt, sondern böse zischelt.
Der flotte Gebrauch von Kraftwörtern ist natürlich auch eine Berliner Spezialität. Ich kann nicht sagen, dass ich ihn hier sehr vermisse.

© Tanja Dückers
Café Pyymäen
Ich gehe in der Nähe vom Keskustori in ein großes gut frequentierten Innenstadtcafé, dem Pyymäen, dessen Belebtheit und Einrichtung mich von außen angesprochen hat. Drinnen duftet es nach frisch Gebackenem. Es ist ein recht kalter Tag. Ich muss mich noch etwas daran gewöhnen, vom September in Berlin gleich meteorologisch im November gelandet zu sein. Die Kuchen-Auswahl fällt mir angesichts der verlockend aussehenden üppigen Theke schwer. Schließlich entscheide ich mich nach einigen Befragungen meines kleinen Lexikons für ein Vadelma-Suklaa-Torttu, eine Art Moussekuchen mit ansprechenden Himbeerhäubchen, oben auf thronen noch blaue Blümchen. Ich setze mich, lese dies und das auf dem Handy, was digital verzogene Erwachsene eben so in ihrer Freizeit tun. Ab und zu lausche ich dem Finnisch um mich herum, freue mich, wenn ich, selten genug, mal ein einzelnes Wort aufschnappe, meistens eines, dass ein Lehnwort sein könnte. Vielleicht liege ich mit meinen „Interpretationen“ auch jeweils völlig falsch. Es gibt ja einige „falsche Freunde“ im Finnischen und im Deutschen. Während Mantel manteli heißt, Knödel knöödeli und Kaffeepause entzückenderweise kavhipaussi, heißt halla nicht Hallo, sondern Nachtfrost, krapula nicht Dracula oder Monster, sondern Kater (nach Alkoholkonsum) und so weiter. Keksi heißt immerhin Keks.
Irgendwo entfernt höre ich ein Klirren.
Dann widme ich mich wieder meinem Vadelmar-Suukla-Wunder.
Nun tritt eine Kellnerin an meinen Tisch, weist auf Filou und erzählt wortreich etwas auf Finnisch, wobei sie lächelt und ein etwas besorgtes Gesicht macht. Ich habe keine Ahnung was sie meint.
Ich überlege, aufzustehen, wahrscheinlich hat sie jetzt erst Filou bemerkt, der ja nicht sehr groß ist, und bedeutet mir höflich, zu gehen. Ich stehe auf, greife zum Anorak. Da schaut sie noch besorgter und bedeutet mir, mich wieder zu setzen. Sie zeigt auf Filous Pfoten, auf jede einzeln, was etwas sehr Fürsorgliches hat, so als dürfte keine vergessen werden, und dann auf den Boden, wo jetzt eine andere Kellnerin gewissenhaft Scherben wegfegt. Ich verstehe: man macht sich Sorge um Filou wegen dem zerbrochenen Geschirr. Wie aufmerksam!
© Tanja Dückers
Volvo statt SUV?
Es gibt Städte, in denen man beinahe überall sofort erfasst, ob in der Gegend, in der man sich gerade aufhält, arme oder reiche Menschen leben: Man fährt durch Favelas oder Villengegenden, durch verschlammte Wege mit Wellblechhütten oder durch Gates Communities. In Johannesburg, Nairobi, Bangalore oder Sao Paulo kam ich in Gegenden, in denen es keinen Zweifel gab, wo wir uns befanden. Aber auch innerhalb Europas gibt es Städte, und leider muss ich hier mittlerweile meine Heimatstadt Berlin anführen, bei denen man sofort bemerkt, ob dort einkommensstarke oder einkommensschwache Bewohnerinnen und Bewohner leben. In meiner Kindheit in West-Berlin schien mir das noch etwas anders, die Gesellschaft weniger segregiert gewesen zu sein. Aber diese Entwicklung wäre ein anderes Thema.
Auch wenn wir keine us-amerikanischen Verhältnisse haben mit Glamour Avenues und Back Streets, so hat die sozioökonomische Kluft in Berlin stark zugenommen.
Kaum bin ich in Tampere, versuche ich sofort reflexhaft, mir ein Bild zu machen ob dieses oder jenes Viertel „gut“ oder „weniger gut“ ist. Slums erwartete ich natürlich nicht in Finnland. Ich habe in einer Reihe verschiedener Länder gelebt, kann behaupten, „weit gereist“ zu sein und doch: hier in Tampere komme ich nicht weit mit meinen Schablonen. Da stehen ästhetisch unbedeutende Plattenbauten in herrlicher Lage mit Seeblick, dort sieht man eigentlich schöne Holzhäuser, die aber etwas renovierungsbedürftig aussehen… was ist eine gute Gegend in Tampere, was eine weniger gute?
Ich wohne, so erfahre ich, in unmittelbarer Nähe zum schönen Näsijärvi-See, dessen Name zumindest für finnische Ohren wohl vokalharmonisch angenehm klingt, schon in einer guten Gegend. Aber die Leute sehen sehr alltäglich gekleidet aus, fahren durchschnittliche Autos, hinter unserem Wohnhaus steht ein uralter Volvo.
Anders als in Berlin sehe ich bisher in Finnland kaum SUVs, wo sie hier doch viel mehr Sinn ergeben würden. Auch die Hunde meiner Nachbarinnen und Nachbarn sind keine in Seide gewickelten Windhunde mit Kopfschmuck – so etwas habe ich mal in Hamburg Blankenese gesehen.
Ich recherchiere bei Eurostat und finde heraus, dass Finnland eines der egalitärsten Länder weltweit ist. Es hat einen der geringsten Gini-Koeffizienten (26), deutlich geringer als in Deutschland (29,5). Der EU-Durchschnitt liegt bei 29,4. Der Gini-Koeffizient ist ein statistisches Maß, das die Ungleichheit in einer Gesellschaft misst. Am häufigsten wird er verwendet, um die Verteilung von Einkommen oder Vermögen darzustellen. Er beschreibt mathematisch, wie weit die tatsächliche Verteilung in einem Land von einer absoluten Gleichverteilung abweicht. Der Wert des Gini-Koeffizienten liegt immer zwischen 0 und 100 Prozent:
0 (Absolute Gleichheit): Alle Menschen besitzen exakt gleich viel. Jeder verdient auf den Cent genau denselben Betrag. 100 (Absolute Ungleichheit): Eine einzige Person besitzt alles (das gesamte Einkommen/Vermögen des Landes), und alle anderen besitzen absolut nichts. Die Faustregel lautet: Je niedriger der Wert, desto gleichmäßiger ist die Verteilung (wie in Finnland mit ca. 26). Je höher der Wert, desto größer ist die Kluft zwischen Arm und Reich (angeführt wird die Liste von Südafrika: 63).
Fazit: In Finnland sind die verfügbaren Nettoeinkommen nach Steuern und Sozialleistungen enger beieinander als in Deutschland und auch im Vergleich zum EU-Durchschnitt. Ich muss sagen: das imponiert mir.
Ich laufe weiter am Näsijärvi entlang und kann gar nicht sagen, was die Leute, die Nachbarn, die mir so mit ihren Hunden entgegenkommen, verdienen. Ich kann es nicht ihrer Kleidung, nicht ihren Autos, nicht ihren Hunden, nicht ihren Klingelschildern, nicht den Schuhen, die sie vor ihrer Tür abstellen, ansehen. Das ist eine beglückende Erfahrung für mich.
© Tanja Dückers
Northern Lights im „Stadtbild“
Wer „Stadtbild“ hört und sich in deutscher Innenpolitik auskennt, wird an eine unsägliche Debatte denken, die der Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) losgetreten hatte: Bei einem Termin in Brandenburg am 14. Oktober 2025 erklärte er, die Asylzahlen seien zwar gesunken, es gebe aber weiterhin ein Problem mit der Migration im „Stadtbild“. Auf Nachfragen verwies er darauf, man möge „seine Töchter“ fragen. Diese paternalistische Aussage führte zu Protesten, darunter eine virale Petition („Wir sind die Töchter“) mit über 120.000 Unterschriften und Demonstrationen in Berlin sowie anderen deutschen Städten. Grüne, SPD und Linke warfen Merz eine diskriminierende, spaltende Rhetorik vor, die an die Sprache der AfD erinnere – als könnte man einem Menschen an seiner Hautfarbe ablesen, was er für einer oder sie für eine ist.
Ironische Anmerkung hierzu: zeitgleich hat die CDU-Regierung viele Sozialkürzungen (von Frauenhäusern über Unterhaltsvorschusskürzungen bis Schulassistenz für Kinder und Jugendliche) vorgenommen, die nach Ansicht von Frauenverbänden und Gewerkschaften erhebliche Auswirkungen auf Frauen und Mädchen haben.
Die „Stadtbild-“Diskussion im Hinterkopf spaziere ich durch Tampere. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres als ziellos durch eine neue Stadt zu gehen, offenen Blickes für meine Umgebung. Nach zwei Wochen denke ich: Das Stadtbild von Tampere erscheint mir ein wenig unbunt, ich hätte gern mehr meckernden Merz. Man sieht schon ab und zu junge Leute, die vermutlich einen anderen Hintergrund haben, vielleicht in Tampere studieren. Neulich sah ich eine Schwarze Frau, aber in Berlin wäre sie mir nicht mehr aufgefallen. Hier schon. Die Bevölkerung scheint homogener zu sein. Ich möchte es genauer wissen und recherchiere bei der Bundeszentrale für politische Bildung.
Berlin: Rund 42,6 % der Berliner Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund.
Tampere: Der Anteil von Menschen mit ausländischem Hintergrund liegt bei nur etwa 12 %.
Der prozentuale Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist in Berlin mehr als dreieinhalbmal so hoch wie in Tampere. Für finnische Verhältnisse ist Tampere jedoch eine recht internationale Stadt.
Ich laufe noch ein bisschen öfter in Tampere herum und fahre viel Straßenbahn. Jenseits der Frage nach „Buntheit“ qua Migrationshintergrund fällt mir etwas Anderes auf. Man sieht in Finnland immer noch erstaunlich viele Grufties und Rocker, ganz klassisch in Schwarz mit Nieten, gern auch mit Tattoos.
Wenn man hier ist, wundert man sich nicht mehr so sehr, dass Finnland 2006 die Band Lordi mit „Hard Rock Hallelujah“ ins Rennen um den Eurovision Song Contest schickte (die Band gewann bekanntlich). Mitten im Zentrum gibt es mit der „Trasherie“ eine Metalkneipe. Die Finnen, die ich bisher gesehen habe, sehen mehrheitlich nicht unbedingt so eco-clean-gesund aus wie zum Beispiel die Schweden oder Norweger. Ich werde hier nicht selten an Menschen in postsowjetischen Staaten erinnert, die ich viel bereist habe. Aber mir fällt bei den vielen gruftig oder irgendwie anti-mäßig gekleideten Leuten auf, dass sie nicht selten gefärbte Haare haben in einem Stil, den ich mal „Northern Light“ nennen würde, und zwar gern in einer burgund bis pinken Variante.
Warum Pink? Ich mache mich wieder auf die soziokulturelle Suche. Vielleicht ist mein Eindruck ja Unsinn. Doch was lese ich hier und dort?
„In Finnland hat die auffällige Kombination aus Pink und Schwarz eine ganz besondere kulturelle Dynamik. Es ist der perfekte optische Kontrast zur finnischen Alltagsästhetik, und es gibt tatsächlich finnische Pop-Ikonen, die genau diesen Look weltberühmt gemacht haben. Wenn man an Popstars und extrem auffällige Haarfarben in Finnland denkt, fällt einem sofort Alma (Alma-Sofia Miettinen) ein.“
Aha. Ich befrage eine finnische Freundin dazu, die ein bisschen jünger als ich ist:
Na klar, Alma. Ob ich denn wüsste, dass Alma der internationale Durchbruch mit dem Hit „Dye My Hair“ gelang? Sie googelt mir verschiedene Fotos: Alma trägt lässige, weite, komplett schwarze Outfits kombiniert mit neonfarbenen Haar (meist knallpink). Ein weiterer finnischer Superstar, der extrem viel mit der Kombination aus provokantem Schwarz und schrillem Pink spielt (wenn auch oft mit blonden Haaren), sei die finnische ESC- und Disco-Ikone Erika Vikman.
Dass man auf finnischen Straßen erstaunlich viel Pink als Kleider- oder Haarfarbe sieht, hätte handfeste visuelle, klimatische und psychologische Gründe, erläutert sie mir noch (sie ist selber modemäßig ganz vorn): Finnen würden Schwarz und dunkle Töne lieben; vor allem in den langen lichtarmen Herbst- und Wintermonaten sieht man überall sehr viel dunkle Kleidung. Ein leuchtendes Knallpink sei einfach eine visuell-rebellische Antwort auf die „Uniform“ Schwarz. Der Wunsch nach kräftiger Kompensation für den Winter spiele auch eine Rolle: Wenn es monatelang grau, matschig oder dunkel ist, holen sich die Menschen halt die Lebensfreude und Farbe über die Mode zurück. Wenn das Auge an Dunkelheit gewöhnt ist, wirkt ein pastelliger oder leuchtender Ton extrem erfrischend! Außerdem: Die finnische Modeszene experimentiere immer gern ein bisschen abseits des Mainstreams. Stile wie Pastel Goth (eine Mischung aus schwarzer Gothic-Kleidung und zuckersüßen Pink-Elementen) oder Bubblegumcore hätten im Norden allgemein eine riesige Fangemeinde.
Von Pastel Goth und Bubblegumcore hatte ich vorher noch nichts gehört. Immer diese falsche Vorstellung, Berlin böte modemäßig schon alles. Wieder etwas gelernt.
Nachdem ich jetzt ziemlich auf Bubblegum, Pastel und Pink geeicht bin, finde ich diese Farben überall wieder. Selbst im Kulinarischen meine ich diese Neigung zum Blackpinkigen zu entdecken: In Tampere ist das berühmteste kulinarische Aushängeschild die legendäre Mustamakkara („Schwarzwurst“).
Das typische optische Zusammenspiel ergibt sich direkt beim Servieren: Die traditionelle finnische Blutwurst, die unter anderem aus Schweinefleisch, Roggengrütze und Blut hergestellt wird, hat eine tiefschwarze, glänzende Kruste.
Gegessen wird die Wurst untrennbar mit einer großen Portion leuchtend pink-roter Preiselbeerkonfitüre (puolukkahillo).
Die Suklaatehdas Dammenberg (Schokoladenmanufaktur Dammenberg) aus Lempäälä stellt die Tafel „Organic Dark Chocolate – Cranberry“ her, auf der es schön beerenrotpink leuchtet.
Nach dem Manufakturbesuch laufe ich von der Hämeenkatu in die Kauppahalli und finde dort knallpinke „Berliner“, Munkkis.
Vielleicht sind wir pastelliger als ich dachte.
© Tanja Dückers
Lichthunger
Ich frage mich, woran es liegt, dass ich in Tampere, kaum sehe ich einen Sonnenstrahl am Himmel, sofort nach draußen eile. Und dann kann ich kaum genug vom Licht bekommen und mag gar nicht mehr hinein gehen, obwohl ich unsere Wohnung supergemütlich finde, ein nettes Arbeitszimmer im Kulturhaus Laikki habe und es schöne Museen und Cafés in Tampere gibt. Unser Hund profitiert davon. So lange hänge ich in Berlin kaum auf Hundespielplätzen herum oder schaue ihm geduldig beim Schnüffeln im Unterholz zu. Wir haben doch erst Oktober, nicht tiefsten Winter, es ist hier durchaus ab und zu sonnig-freundlich, auch angenehm mild. Also warum mache ich nur so ein Sonnentheater?
Als ich neulich mal wieder mit Filou am Ufer des Näsijärvi entlangschlenderte, ertappte ich mich dabei, den Himmel – es war ein heller freundlicher Tag – ein wenig irritiert nach dem Sonnenball abzusuchen. Es war 11.30 Uhr, fast mittags – ah, DA duckte sie sich also recht tief überm Horizont. In Berlin musste ich sie stets höher stehen gesehen haben. Können die paar Kilometer, die Tampere weiter nördlich als Berlin liegt, so viel ausmachen? Ich recherchiere mal wieder…
… erstmal, es sind nicht „ein paar Kilometer“, muss ich mich alsbald korrigieren: Tampere liegt 998 Kilometer weiter nördlich, auf dem knapp 62. Breitengrad, Berlin knapp auf dem 53. Breitengrad.
Und ja, auch wenn ich meine, in Tampere bei strahlendem Sonnenschein unterwegs zu sein, dann bekommen ich doch deutlich weniger Licht ab. Mein Lichthunger kommt nicht ganz von ungefähr.
Mitte Oktober steht die Sonne in Tampere mittags nur noch etwa 19° über dem Horizont, in Berlin bei 28°. Das ist ein großer Unterschied. Kein Wunder, dass ich den Himmel hier auf „falscher“ Höhe nach dem Sonnenball absuchte.
In Geometrie war ich damals in der Schule alles andere als gut gewesen und produzierte eher verschachtelte abstrakte Kunst als verständliche Lösungen, aber das jetzt leuchtet sogar mir ein:
Bei flachem Einfall verteilt sich dieselbe Lichtstrahlung auf eine größere Fläche, pro Quadratmeter kommt also weniger Energie an. Wenn die Sonne in Tampere Mitte Oktober nur noch etwa 19° über dem Horizont steht, dann kommt einfach weniger Sonne auf der beschienenen „Tanja-Fläche“ an.
Ein weiterer sich hieraus ergebender Aspekt ist die Atmosphäre: Das Licht legt durch die Luft einen längeren Weg zurück. Dabei wird nochmal mehr Licht gestreut und absorbiert (vor allem der blaue Anteil, deshalb wirkt das Licht hier weicher, wärmer und schwächer – dieses Rosa!).
Nicht zuletzt kommt dazu, dass die Tage im Oktober in Tampere schnell kürzer werden, um mehr als fünf Minuten pro Tag.
| Längster Tag (ca. 21. Juni) | Kürzester Tag (ca. 21. Dezember) | |
| Tampere | rund 19 h 30 min | rund 5 h 20 min |
| Berlin | rund 16 h 50 min | rund 7 h 50 min |
Im Sommer ist es in Tampere also etwa 2 Stunden 40 Minuten länger hell als in Berlin, im Winter dafür etwa 2 Stunden 30 Minuten kürzer. Der Unterschied zwischen den Jahreszeiten ist in Tampere deutlich größer: In Tampere schwankt er um rund 14 Stunden, in Berlin nur um rund 9.
Mein Gefühl von „Lichthunger“ ist also nicht ganz aus der flauschigen Dämmerung gegriffen, auch wenn Tampere in Südfinnland liegt, ich nicht das Gefühl habe, in einer anderen Klimazone zu leben, vieles mir hier sehr mitteleuropäisch bzw. Berlin mir in vielem sehr nordeuropäisch vorkommt.
Schnell nochmal raus mit Filou – die letzten Zipfel rosafarbenen Lichts, heute fast in der Farbe der Berliinin Munkki, über dem Näsijärvi erhaschen… !

© Tanja Dückers






